Was sind TROPEN?

Ein neues Büro in Berlin Kreuzberg. Das Versprechen tropischer Literatur. Eine tropische Nacht. Am 9. Mai 2019 fand die erste Berliner Read Parade statt.

Wir feierten das Lesen, machten Literatur umsonst und draußen sichtbar und hörbar. Auf offener Straße, auf Spielplätzen, Parkbänken, Caféstühlen, im Nah-und Fernverkehr und in jedem Fall auf eigene Gefahr. Denn: Literatur gehört (auch) auf die Straße!


Meine Damen und Herren, junge Menschen,

herzlich willkommen zur ersten Berliner Read Parade. Mein Name ist Tom Müller, ich bin Verlagsleiter des Tropen Verlages, Autor und Initiator dieser Demonstration. Ich freue mich über jeden Einzelnen von euch und bin deshalb heute besonders froh, sagen zu können:
Ick bin een Berliner.

Wir sind hier um für mehr Literatur im gesellschaftlichen Raum einzutreten und das Lesen gemeinsam zu feiern.

Noch nie wurde in Deutschland so viel gelesen wie in den letzten Jahren. Wir lesen noch schnell die Nachrichten auf Spiegel Online, bevor der Bus kommt, empören oder begeistern uns in der Kaffeepause über einen neuen Tweet, lesen Mails, lesen Mails, lesen Mails, checken noch im Gehen die Restaurantkritik und im Augenwinkel den Spruch auf der Werbetafel. Wir lesen immer, aber wir achten nicht darauf, was wir lesen und wann. Sobald wir wach sind, empfangen wir Text, aber wie viele Worte davon genießen wir auch? Mehr Information, weniger Fiktion, oder gar Poesie – das ist die Entwicklung und keine Kulturkritik. Was ich sagen will, ist: Die einzigen Grenzen, die wir schützen müssen, sind die zu unserer Gedankenwelt, nicht jeder Scheiß muss dort hineindürfen. Denn ich glaube daran, dass gute Literatur eine der wenigen Textformen ist, die die Gedankenwelt nicht verstopft, sondern erweitert, im Kopf eine neue Welt eröffnet.

Das ist, was wir tun können, aber es muss auch darum gehen, was die anderen tun, was im großen Ganzen geschieht und was geschehen sollte.
6 Millionen Buch-Leser sind laut Börsenblatt in den letzten Jahren verloren gegangen. Wie begeistern wir die nächsten Generationen?

Wenn selbst Ikea die Abbildung von Büchern in seinen Möbeln streicht, weil sie Bücher für nicht mehr zielgruppengemäß hält.
Wenn in Lehrplänen, z.B. in Bayern, statt des Lesens von Romanen das Schauen der Verfilmung angeregt wird?

Wie erobern wir die Sichtbarkeit zurück, die die Ladenflächen von Buchläden in den Innenstädten erzeugen und die weniger werden, weil die Mieten zu hoch sind und selbst die beiden größten Buchhandelsketten Thalia und Mayersche Anfang des Jahres ihre Fusion bekannt gegeben haben.
Wie kommen wir zum Lesen, wenn zu Hause der Knopf zum Start der nächsten Serie so viel näher zu liegen scheint als das Aufschlagen eines Buches?

Das Buch hat eine reduzierte Mehrwertsteuer und eine Preisbindung, die in der Welt der Waren einzigartig ist. Das Buch ist ein Zwitter aus Handelsware und Kunst. Die Politik hat diesen Status des Buches bestimmt. Im gesellschaftlichen Raum muss er gewahrt werden. Dazu braucht es Einfälle! Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihr Bruder immer ihre Spielsachen versteckt hat, und sie erst rausrückte, wenn sie das Buch, das er ihr gegeben hatte, zu Ende gelesen hatte. Er wollte eben unbedingt mit jemanden darüber sprechen. In den Niederlanden kann man während der Buchwoche die öffentlichen Verkehrsmittel frei benutzen, wenn man ein Buch bei sich hat. Wäre das nicht was für Berlin? Oder ein Abend im Berghain, an dem nur Leute reinkommen, die ein Gedicht aufsagen können.

Wie wichtig die Literatur ist, merkt man ja immer erst, wenn man in Not gerät. Wenn man festsitzt, in einer Jahresbilanzkonferenz, auf einer einsamen Insel oder im Stau auf der A2 und man keine Chance hat zu fliehen, nicht mal in Gedanken, weil man keine fiktiven Welten kennt, keine Worte weiß, die einem aus der Haut helfen.

Deshalb sind wir hier. Um der Literatur seinen Platz zu erstreiten. Und um zu lesen und lesen zu lassen.  5 Autorinnen und Autoren sind mit dabei, die ich ganz herzlich begrüßen möchte: Nora Bossong, Jan Böttcher, Leona Stahlmann, Sybille Hein, Simon Strauß und David Wagner.

Wir werden auf unserer Route zwischendurch immer wieder anhalten, dann lesen sie ein Stück Literatur vor, das sie selbst sehr geprägt hat, für sie als Leser und Leserinnen wichtig war. Unterwegs wird unsere DJ die Filmemacherin Ava Irandoost auflegen und dafür sorgen, dass wir nicht übersehen oder überhört werden, und der Weg nicht zu lang wird. Und vielleicht gewinnen wir die Weintrinker am Kanal so noch als Leser.

Ahoi, viel Spaß, ich springe ab, und wir fahren los.

Die Begrüßungsworte von Tropen-Verlagsleiter Tom Müller


Unser fröhlicher Umzug startete in Berlin am Spreewaldplatz und endete in der Köpenicker Straße. Unterwegs machten wir mit schönen Sounds und Beats auf uns aufmerksam. Zwischendrin lauschten wir Autorinnen und Autoren, die jeweils ein kurzes Stück Literatur vortrugen, das für Sie wichtig war. Mit dabei waren Jan Böttcher, Nora Bossong, Sybille Hein, Simon Strauß, David Wagner und Musik der Filmemacherin Ava Irandoost.

Im Anschluss fand in und vor den neuen Tropen Büros in der Köpenicker Straße eine After-Show-Party statt. Dabei haben Tom Kraushaar, Wolfram Eilenberger, Juliane Noßack, Thomas Palzer, Simon Strauß und Karin Graf in einer Kreuzberger Bushaltestelle eine Frage erkundet: Was sind Tropen?

Die READ PARADE ist eine Initiative von Autor und Verlagsleiter Tom Müller und wird unterstützt vom Tropen Verlag und dem Verlag Klett-Cotta.