Tom Müller: Ego- und Helfer-Syndrom

Tropen-Verleger Tom Müller ist zugleich Lektor und Autor – und seine ersten Schritte in beide Bereiche machte er bei Klett-Cotta, dem Mutterverlag von Tropen.

Einerseits, so Tom Müller, sei er den klassischen Weg gegangen, den man als Lektor nimmt: Praktikum, Volontariat, Assistenz, Lektor, Programm- und schließlich Verlagsleiter. Andererseits, sagt er, war es auch sehr speziell, denn diese Stadien waren eng verschränkt mit seinem literarischen Schreiben. Den Weg in die Verlagswelt fand er 2009, als er während seines Studiums der Romanistik und Germanistik in Tübingen ein Praktikum bei Klett-Cotta machte. „Auf der Weihnachtsfeier habe ich eine Kurzgeschichte vorgelesen“, erinnert sich Tom. „Und die wurde von Tom Kraushaar komplett zerlegt.“ Der Beginn einer Freundschaft, die bis heute andauert.

Doch damals empfand er das als einen absoluten Tiefpunkt: Das Studium ging dem Ende zu, er hatte kein Geld und das Ziel, Autor oder Lektor zu werden, schien meilenweit entfernt. „Die Zukunft sah ziemlich düster aus“, sagt er rückblickend. Tom Kraushaar gab ihm Starthilfe und erläuterte, was er an der Short Story verbessern sollte. Daraufhin schrieb Tom Müller die Kurzgeschichte „Himmel und Fleisch“, mit der er zum open mike eingeladen wurde, ausgewählt von dem damaligen KiWi-Lektor Olaf Petersen. Diesen Kontakt nutzte er, um dort ein Volontariat zu machen, bevor der gebürtige Berliner in seine Heimatstadt zurückging zum Aufbau Verlag, wo er später zum Programmleiter des Imprints Blumenbar aufstieg.

Wenn man so will, habe er ein Ego- und Helfer-Syndrom, die sich als Autor und Lektor sehr gut ergänzen, sagt Tom mit einem Schmunzeln. „Der Vorteil, beides zu sein, liegt darin, dass ich die verschiedenen Stadien eines Textes kenne.“ Dank seiner Erfahrung als Autor weiß er, wie schwierig es sein kann, den richtigen Weg zu finden. Zugleich liebt er das erfüllende Gefühl, wenn es ihm als Lektor gelingt, Autorinnen und Autoren dabei zu helfen, genau das auszudrücken, was sie im Kopf haben. „In Texten geht es mir nicht allein darum, die Dinge auszumachen, die man streichen oder ändern müsste, sondern auch Kraftfelder zu entdecken, die noch verborgen sind, und sie gemeinsam zu entwickeln.“

Zwischen Studium und Verlagskarriere verbrachte er zwei Jahre im Ausland. Nach der Schule arbeitete er in Griechenland ein Jahr lang mit behinderten Menschen, daraufhin unternahm er eine Weltreise, die ihn von Neuseeland und Australien nach Asien und Russland führte – damals noch ohne Smartphone, versteht sich. „Das hat mir extrem geholfen, mich auf neue Welten einzulassen, wie man es bei Büchern ja auch tun muss.“ Überhaupt musste Tom schon früh lernen, sich in neuen Umfeldern zurechtzufinden, „als einziger Ossi im Gymnasium von Neukölln“, als Deutscher während der Semester in Pisa und Perugia, später bei seinen Auslandserfahrungen.

Und was interessiert ihn als Lektor? Vor allem der eigene Ton eines Textes, sagt Tom. Wie zum Beispiel bei Hool von Philipp Winkler, einen Roman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und den er während seiner Zeit bei Aufbau betreute. „Philipp schildert auf sehr literarische Weise das Hooligan-Milieu“, schwärmt er. Auch Die Vegetarierin von Han Kang, die damit den Booker International gewann, zog ihn sofort in seinen Bann. „Vom ersten Satz ab hatte ich das Gefühl: Sowas habe ich noch nicht gelesen. Eine Frau, die sich gegen die Normen der männlich dominierten  südkoreanischen Gesellschaft auflehnt, in dem sie sich allem versagt und versucht, ein vegetatives Wesen zu werden, eine Pflanze. Das geht unter die Haut.“

Den Weg, deutschsprachige Autorinnen und Autoren nach vorn zu stellen, den Tropen zuletzt mit Simon Strauss‘ Römische Tage gegangen ist, will Tom Müller unbedingt fortsetzen. Das nicht nur in der Belletristik, sondern auch im Bereich Sachbuch. Und da ist es besonders schön findet er, wenn jemand etwas als erster in Buchform beschreibt, wie bei Alexander Krützfeldts Deep Web 2014, das erste deutsche Sachbuch zum anonymen Internet oder jetzt, bei Tropen, die Autobahn: „Das deutscheste aller Themen, und es gibt kein erzählendes Sachbuch dazu“. Oder aber Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft von Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer und Alexander Repenning, das zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht wird.

Zeitgleich erreicht auch sein Weg als Schriftsteller einen neuen Höhepunkt: In wenigen Tagen erscheint sein Debüt Die jüngsten Tage bei Rowohlt Hundert Augen. Der Herbst wird spannend!