Jonathan Lethem: Playlist zu „Der wilde Detektiv“

Warum eigentlich sollten nur Filme einen Soundtrack haben? Auch Romane harmonieren wunderbar mit Musik, wie Jonathan Lethems Playlist zu „Der wilde Detektiv“ beweist.

Doyle Bramhall – I Can See Clearly Now

Das Lied I Can See Clearly Now hat meinem Leben neuen Schwung gegeben und ist auf absurdeste Art in den Roman eingedrungen. Meine Freundin Mimi und ich machten Witze über „mansplaining“ und kürzten den Begriff zu „‘splain“ ab. Daraufhin sagte Mimi: „I can’t stand the ‘splain“, was uns zu „It’s ‘splainin‘ men“ führte und dann zu „The ‘splain in Spain falls mainly on the plain“ und „How I wish it would ‘splain”, und so weiter. Bis wir bei I can see clearly now the ‘splain is gone gelandet waren. Das blieb mir im Kopf hängen. Ich begriff, wie tief sich das Lied in meinem Herzen verankert hatte, seit Johnny Nash, als ich ein Kind war, ständig im Radio lief. Später hatte ich den Song als „kitschig“ abgetan, sozusagen in Quarantäne verschoben. Aber eigentlich schützte ich mich dadurch nur vor dem Optimismus und der Verbundenheit, die ich mit dem Lied assoziierte, Gefühlen, den ich misstraute. Dann stolperte ich über das Cover von Doyle Bramhall – und das knallte die Türen dieser Quarantäne auf. Ich weiß nichts Näheres über Doyle Bramhall, aber er hat mir eine Hymne zurückgegeben. Und klar, genau wie das Buch hat auch das Lied eine Landschaft, einen offenen Himmel und all das, was von da auf dich herabfällt.

Father John Misty – Things It Would Have Been Helpful to Know Before The Revolution

Father John Mistys Lied Things It Would Have Been Helpful to Know Before The Revolution ist eine gut verklausulierte Ironie, die wir brauchen, weil wir weder Prepper, Ölförderer oder Milizen sind noch autark von öffentlichen Einrichtungen. Wir brauchen die Ironie, um mit der Einsicht umzugehen, dass genau diese Menschen die Alarmglocken, was die Umwelt betrifft, viel früher gehört haben als wir.

Ellen Mcilwaine – Higher Ground

Wenn die Ozeane ufernahe Gebiete zurückerobern, werden wir alle nach einem Higher Ground suchen müssen, eine Tatsache, auf die sich im Buch viele der in der Wüste lebenden Menschen bereits vorbereiten. Dieses Cover eines Stevie-Wonder-Songs von Ellen Mcilwaine bringt mich zum Lachen; ich möchte jedes Mal tanzen. Es ist funky und weiß zugleich. Sie ist eine absolut erstaunliche Gitarristin. Das Lied erinnert mich daran, wie die „Kaninchen“ – in meinem Roman ein Stamm, der zumeist aus Frauen besteht – klingen könnten, wenn sie feiern. Mir fällt auf, dass in dieser Liste viele Lieder von Musikern sind, von denen ich nicht mehr weiß, als ich – oder du – auf Wikipedia nachlesen kann.

Leonard Cohen – Nevermind

Umgekehrt weiß ich zu viel über Leonard Cohen, den ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr höre und lese, wahrscheinlich zu meinem Nachteil. Er wurde mir von dem Schriftsteller L.J. Davis gezeigt, der der Vater meines damals besten Freundes war. Als ich im allerersten Song die Zeilen „You were Marlon Brando, I was Steve McQueen/You were K-Y Gelée, I was Vaseline“ hörte, dachte ich: Das darf man so sagen? – ein gesunder Gedanke für einen angehenden Schriftsteller. Ich verbinde Cohen mit Fragen darüber, wie man einem Ort entfliehen kann, wobei es sich bei diesem Ort sowohl um das Selbst im Allgemeinen als auch um konventionelle Versionen der männlichen Romantik handelt. Zu seinen Lösungen gehörte der lange Retreat im Mount Baldy, dessen Spitze ich jetzt von meinem Bürofenster aus sehen kann und der im Buch eine Rolle spielt. Deswegen, und aufgrund seines Todes in der Woche der traumatisierenden Wahl 2016, musste Cohen fast zwangsläufig eine Rolle in meinem Roman spielen.

Doris – Did You Give The World Some Love Today, Baby?

Zurück zu den Leuten, von denen ich nicht viel weiß. Doris, die singt: Did You Give the World Some Love Today, Baby?, ist aus Schweden, glaube ich. Mehr weißer Damen-Pop-Funk und eine weitere Hymne, die mich in Verlegenheit bringt und mich öffnet. Ich mag es, verlegen zu sein.

Dave Graney + Clare Moore – I Was There

Leider ohne Link. Aber scrollt mal ans Ende des Blogbeitrags!

Apropos verlegen sein: Dave Graney interviewte mich im australischen Radio. Ich hatte keine Ahnung, dass er ein bekannter Musiker ist, bis er mir am Ende der Sendung ganz beiläufig sein neustes Album, Fearful Wigging, in die Hand drückte. Die seltsame Weitläufigkeit von I Was There, ein Duett mit Clare Moore, erinnert mich an das Gefühl der seltsamen Weitläufigkeit, das ich in der Mojave-Wüste empfinde, wo nichts zu sehen ist – und doch hat man das Bedürfnis, zu versuchen, dieses Nichts zu sehen. Dieser Song eröffnet das heimliche australische Leitmotiv meiner Playlist.

Spoon – My Mathematical Mind

„I want to change your mind/I want to set it right, this time“ – ich nutzte diesen Song, My Mathematical Mind von Spoon, um mir selbst einzuheizen, dieses Buch wuchtig und wütend zu schreiben. „Planning for the apocalypse is not considered cool.“ Wieder Prepper: „Quit riding the brakes“ – was ich mir für mein Schreiben und mein Leben vorgenommen habe.

Courtney Barnett – Are You Looking After Yourself

Are You Looking After Yourself, Courtney Barnett. Wieder Australien. Ich schätze, dass dieses ferne Land (samt Neuseeland) und seine Musik mich emotional erreicht (beginnend mit meinen geliebten Go-Betweens und all den Bands des Labels Flying Nun), hat damit zu tun, dass ich es mit Outlaws und Exil assoziiere, sowie eine verzweifelte Randständigkeit, unnachgiebiges Glühen der Sonne und Stanley Kramers Film Das letzte Ufer, der auf mich im Alter von zehn, als ich noch nicht bereit für solch schreckliche apokalyptische Visionen war, einen großen Einfluss hatte (obwohl mir das half, bereit und hungrig auf mehr zu werden). Die Zartheit von Barnetts Nachfrage hier ist aber etwas anderes, eine Frage, die ich meiner Figur Phoebe stellen möchte, oder eigentlich jeder meiner Figuren, oder meinen Freunden.

King Gizzard and the Wizard Lizard – Rattlesnake

Rattlesnake von King Gizzard and The Wizard Lizard. Wieder Australien. Die beste verrückte Scheiße überkommt dich, wenn du es zulässt, in der Wüste. Ich fuhr im Jeep herum und hörte in dem Jahr, in dem ich das Buch schrieb, ganz schön oft diese verrückte Band. Lass dich nur nicht beißen.

The Mekons – Wild And Blue

Wild And Blue von den Mekons ist eine weitere Hymne, die mein Herz öffnet, eine, die mir noch niemals peinlich war.

French Vanilla – Anti-Aging Global Warming

Anti-Aging Global Warming. Diese Welt, die wir zerstört haben, gehört jetzt den Kindern, und wahrscheinlich sollte ich als Collegeprofessor jeden Tag versuchen, sie daran zu erinnern, auf niemanden über 30 zu hören, wenn es um dieses Thema geht. French Vanilla ist eine sehr junge Band, die immer ins Schwarze trifft und so angepisst ist, wie sie auch sein sollte.

Leonard Cohen – My Oh My

My Oh My. Nochmal Cohen. Wenigstens klingt er, als täte es ihm leid.

Divine Fits – Would That Not Be Nice

Ich würde drumherum reden, wenn ich behaupte, dass Divine Fits‘ Would That Not Be Nice etwas anderes ist als die Energiequelle für dieses Buch, das mit Wut und Wucht geschrieben wurde. Aber halt da ist noch was: Was Leonard Cohen rettet ist meiner Ansicht nach seine Fähigkeit zu beißender Trauer, aber der Song hier von den Divine Fits zeigt eine andere Schattierung dieser Trauer, eine, die ich gern selbst in mir hätte, eine, die meine Wut mildert, ohne die Wucht dabei zu verlieren. Hör auf, auf die Bremse zu treten, lache über dich selbst, tanze, werde high, und knutsche mit der Person auf dem Beifahrerersitz. Es ist nur das Ende der Welt.

Johnny Nash – I Can See Cleary Now

Am Ende zeigt sich: Wer braucht schon Doyle Bramhall, außer um zu deiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit zurückzufinden, zu dem Teil von dir, der Johnny Nashs Lied überhaupt nicht peinlich findet. „Look all around you, there’s nothing but blue sky!“

…und als Spotify-Playlist: