Gegen den Mainstream auf der Bühne

Noch sind Opernhäuser, Konzertsäle und Theater geschlossen, um einer raschen Verbreitung des Corona-Virus vorzubeugen. Was könnte nicht gerade alles auf der Bühne gespielt und bewundert werden? Jetzt, heute und hier, wo die Sehnsucht nach Erzählung und Identifikation so stark wächst wie lange nicht mehr. Blickt man auf die Programme vergangener Spielzeiten verschiedener Theaterhäuser zurück, stellt sich jedoch die Frage: Warum wird eigentlich  immer dasselbe gespielt? Herrscht Mainstream auf der Bühne?

Nicht immer nur klagen und kritisieren, was es auf den Bühnen zu sehen gibt, sondern davon schwärmen, was es zu sehen geben könnte, war der Gedanke des Projekts im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ziel war und ist es, ein Programm für ein neues Theater zu entwerfen, das sich nicht an Besetzungszwängen und Zuschauerzahlen orientiert, sondern ausschließlich an der literarischen Qualität der Stücke. Welche Schätze gibt es in der Theaterliteratur zu entdecken, abseits des klassischen Kanons? Abseits des Mainstreams? »Spielplan-Änderung!« ist das Buch zur erfolgreichen FAZ Serie, herausgegeben von Simon Strauß. Bereits in »Römische Tage« fühlte dieser fremde Zeiten in sich und machte sich Gedanken um die Welt und unsere Rolle in dieser.

Zusammen mit bekannten deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern, Kolleginnen und Kollegen aus dem Feuilleton, versammelte Autor und Journalist Simon Strauß 30 Stücke, welche sie unbedingt auf die Bühne bringen würden. Zentrale Werke europäischer Theaterkunst, die auf die Bühnen gehören, weil sie unserer Zeit etwas zu sagen oder ästhetisch Aufregendes zu bieten haben. 30 Stücke also, die unbedingt gespielt werden müssen und sich gegen den Mainstream auf der Bühne richten.

Theater in der theaterlosen Zeit – Zeit, um umzudenken!

»Spielplan-Änderung!« versammelt Theaterstücke aus vier Jahrhunderten, die noch nie oder seit langer Zeit nicht mehr auf der Bühne zu sehen waren. Simon Strauß Textpaten sind 30 der bekanntesten deutschen Bühnenkünstler*innen und Intellektuellen – darunter Hans Magnus Enzensberger, Deborah Feldman, Nino Haratischwili, Fabian Hinrichs, Jürgen Kaube, Daniel Kehlmann oder Sasha Marianna Salzmamn – Beste Gewährsmänner und –frauen, wie auch Deutschlandfunk konstatiert.

Jürgen Kaube führt uns dabei beispielsweise ins England des 17. Jahrhunderts zur beeindruckenden Aphra Behn, der ersten Berufsschriftstellerin überhaupt, von der hierzulande noch nie etwas gespielt worden ist, obwohl ihre Komödien gerade für die Frage nach sexueller Identität einen besonderen Zugang ermöglichen.

Deborah Feldman verknüpft ihre persönliche Suche nach Selbstbestimmung mit Salomon Anskys »Der Dibbuk« von 1920, und erzählt von der Bedeutung des eigenen Namens, denn was ist ein Geist? Eine Gestalt ohne Namen.

Es gibt viel zu entdecken, darin ist sich auch die Presse einig, die das Anliegen dieses Buches sehr begeistert aufgenommen und wiederholt hat. Die Lektüre von »Spielplan-Änderung!« ist besonders in der theaterlosen Zeit der Pandemie ein gutes Mittel, sich dem Theater verbunden zu fühlen, findet die Taz, die Simon Strauß Anthologie im Artikel »Wünsche in Text verpackt« euphorisch besprach. Während die Bühnen ruhen, können wir uns überlegen, was wir künftig gerne sähen, findet auch Freitag.de im Artikel »Früher war mehr Pathos«. Die Anthologie hilft dabei auch Aufregendes und Abwegiges abseits des Mainstreams eine Chance zu geben, das Licht der Theaterbühnen zu erblicken. Einen Versuch wäre es wert, denn zu verlieren gibt es ja nichts.

Bei »Bücher im Gespräch« von ARTstories und Geistesblüten, befragte Norbert Kron Simon Strauß zu seiner Theaterliebe, zum Textgefühl und Tennis, Fingerspitzengefühl und der Zukunft des Theaters.

Simon Strauß bei »Bücher im Gespräch« von ARTstories und Geistesblüten

Gedanken vom Herausgeber Simon Strauß zu »Spielplan-Änderung!«

Was will das deutsche Theater heute? Wozu tritt es Saison für Saison an? Gibt es so etwas wie eine generelle Tendenz oder zumindest ein paar unterschiedliche Strömungen? Was spiegelt sich von dem großen Ganzen in dem kleinen Halbrund der offenen Bühne? Oder geht es gar nicht mehr in erster Linie um das, was hier gespielt wird, sondern darum, wie ein Theaterhaus verwaltet wird – mit Frauenquote, Ensemblenetzwerk und Mindestgage oder ohne? Fragen, die sich nicht nur jeder Theatergängerin, sondern auch jedem Steuerzahler stellen.

Denn im Unterschied zu den meisten anderen Ländern auf der Erde subventioniert Deutschland seine Theater auf großzügige Weise. Nirgendwo sonst wird Theater so entschieden gefördert wie bei uns. Von Kiel bis Konstanz leistet sich die Bundesrepublik eine weitverzweigte theatrale Infrastruktur. Als wäre ihre Fortexistenz integraler Teil der Staatsraison und die »Kulturnation« ohne ihre Theater nicht denkbar. Und trotzdem scheint das Gefühl der Enttäuschung am Theater häufiger um sich zu greifen als bei benachbarten Kunstgattungen. Die Zuschauer sind enttäuscht von der Inszenierung, die Schauspielerin ist enttäuscht vom Regisseur, der Regisseur wiederum von der Intendantin, die Intendanz vom Kulturdezernenten, die Presseabteilung vom Kritiker und der wiederum schnell vom Ganzen. Gehen wir die Sache doch einmal von der anderen Seite an: nicht immer nur klagen und kritisieren, was es auf den Bühnen zu sehen gibt, sondern davon schwärmen, was es zu sehen geben könnte. Welche reichen Schätze auf dem Feld der Theaterliteratur zu entdecken wären. Nehmen wir an, wir könnten einen Spielplan frei bestimmen, ohne auf Zuschauerzahlen, Besetzungszwänge oder Spielzeitmotti achten zu müssen. Das einzige Kriterium wäre, dass er ausgefallen literarisch sein müsste, sich distinkt unterscheiden von den »Altprogrammen« mit ihren »Woyzecks«, »Macbeths« und »Handlungsreisenden«.

Nicht nur den Laien müsste ja eigentlich erstaunen, mit welcher Einfallslosigkeit an den Theatern dieses Landes immer wieder dieselben Stücke aufgeführt werden, als umfasste der allgemein spielbare Kanon nur etwa fünfzehn Autoren. Die Schwäche der derzeitigen Dramaturgie an deutschen Theatern, die sich zunehmend zu einem organisierenden Mittelbau ohne eigenes  Entwurfsrecht degradieren lässt, zeigt sich durch nichts so deutlich wie durch das nahezu vollständige Ausbleiben literarischer Entdeckungen. Stattdessen wird adaptiert und in eigene Fassung gebracht. Nahezu kein Stoff ist inzwischen mehr vor einer solchen »kulturellen Aneignung« sicher, ohne mit der Wimper zu zucken werden Beziehungsratgeber und Sachbücher auf die Bühne gebracht. Die Theaterverlage reagieren auf das gestiegene Interesse, indem sie statt neuer Theaterstücke in ihren Vorschauen immer mehr Vorlagen ankündigen, die sich angeblich zur Dramatisierung eignen. Hauptaugenmerk fällt dabei auf das Kinoprogramm und die Bestsellerlisten. Während es immer mehr unabhängige Verlage gibt, die für die Wiederentdeckung vergessener Literatur brennen und auch an den Opern der Kanon in regelmäßigen Abständen erweitert wird, scheint man sich in den Dramaturgien unserer Stadt- und Staatstheater darauf geeinigt zu haben, lieber die altbekannten Klassiker zu spielen und hin und wieder ein paar neue Dramatisierungen von allgemein beliebten Stoffen dazwischenzuschieben. Aufregende Programmgestaltung sieht anders aus.

Was könnte man stattdessen alles spielen! Jetzt, heute, hier, wo die Sehnsucht nach Erzählung und Identifikation, zumindest nach den Maßstäben des allgemeinen Serienkonsums zu urteilen, bei einer jüngeren Generation wächst wie lange nicht mehr. Was könnte man da für Stoffvergleiche anstellen, was für Wirkungsgeschichten aufzeigen – auf den Zeitgeist eben nicht nur mit Aktualitätsversprechen antworten, sondern mit einer enthusiastischen Gegenfrage. Nicht darüber verzweifeln, was das mit uns zu tun haben könnte, sondern neugierig danach suchen, womit wir immer noch nicht fertig geworden sind. Mit einer so starken Subventionierung im Rücken, wie sie deutsche Theater (noch) haben, müsste hier doch eigentlich jedes Abenteuer, jedes Risiko möglich sein.

Was könnte man also spielen? Das war die Ausgangsfrage einer Serie im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ein Jahr lang mit großer Neugier zu Unrecht in Vergessenheit geratene Theaterstücke vorstellte. Mehr als vierzig Beiträge von Autorinnen und Autoren gingen ein und warben dafür, ein bestimmtes Werk aus seinem unverdienten Exil zu befreien und als Kronzeugen ins Zentrum eines alternativen Spielplans zu stellen. Es ging dabei nicht um Kuriositäten, um Abseitiges oder Obskures, sondern um zentrale Werke europäischer Theaterkunst, die auf unsere Bühnen gehören, weil sie dieser Zeit etwas zu sagen oder ästhetisch Aufregendes zu bieten haben.

Keine kritische Revision des Höhenkamms war das Ziel, sondern ein werbender Blick in die Magazine: Gibt es wirklich niemanden neben Strindberg und Ibsen? Wen kennen wir außer Beckett und Ionesco? Könnte sich das repräsentative Interesse an Geschlechtergerechtigkeit nicht auch einmal inhaltlich zeigen? Mehr Dramatikerinnen gespielt werden? Welche jüdischen Theaterautoren haben wir vergessen? Welche Dramenfragmente lohnen einen zweiten Blick? Wieviel Sturm und Drang geht dem Theater verloren, wenn es keinen Byron spielt? Welche Sprache fehlt uns ohne die Sätze von Anna Gmeyner? Oder die von Alexander Blok? Welche fremden Seelen lernen wir kennen bei George Sand, Dagny Juel oder Aphra Behn? Was für ein funkelnder Gegenkanon ließe sich bilden mit de Vega, Ostrowski, Molnár, Carrington und Shaw? Wie noch einmal anders auf die deutsche Geschichte schauen durch die Augen von Jakob Lenz, Karl Schönherr und Max Herrmann-Neiße. Was alles an Russland verstehen durch »Tarelkins Tod« oder »Phoenix«? Welche Antike lebt fort in Hebbels »Herodes und Mariamne«, Hans Henny Jahns »Medea« und Peter Hacks »Senecas Tod«, wie nah rückt uns Byzanz in Andreas Gryphius’ »Leo Armenius«? Wie viel weniger lachen wir ohne die Stücke von Gustav Wied, August von Kotzebue oder Jean Anouilh? Wer erinnert sich an Pablo Picassos surrealistisches Drama? Wer kennt den Theatertext zum Film »Frankie and Johnny«? Wird Else Lasker-Schülers »Wupper« wirklich oft genug gespielt? Und Turgenjews »Monat auf dem Lande«? Und Fleißers »Starker Stamm«?

Diese Anthologie präsentiert dreißig Stücke, die das Theater heute braucht. Sie plädiert für eine SpielplanÄnderung. Ist durchzogen von dramatischer Goldgräberstimmung und poetischer Entdeckerlust. Das Buch ist zusammengestellt von Theaterleuten und Theatergängerinnen, Lesern, Kritikern, Dramatikerinnen und Dichtern, kurz, von Menschen, die sich für die Bühne begeistern. Und die endlich mehr Vielfalt sehen wollen. Nicht nur innerhalb der Ensembles, sondern auch bei den monatlichen Programmankündigungen. Die vergessenen oder noch gar nie entdeckten Stücke, die – immer eingeleitet von einem szenischen Ausschnitt – empfohlen werden, stammen aus vier verschiedenen Jahrhunderten. In ihrer stilistischen, dramaturgischen und programmatischen Unterschiedlichkeit bilden sie zusammen den Entwurf eines Spielplans jenseits des konventionellen Kanons. Sie machen Lust auf ein ausgefallen literarisches Theater. Ein Theater, das sich aus den verschiedenen Sprachräumen, Ideengeschichten und Wertevorstellungen speist, das sich durch ästhetische und ideologische Traditionen anregen lässt und der wissenschaftlichen Musealisierung der Texte entgegentritt. Es geht um die Wiederentdeckung verloren gegangener Geschichten, ausgeschlossener Figuren und vernachlässigter Sprechweisen. Um die Frage nach der Eigenart der dramatischen Gattung. Darum, für 250 Seiten so zu tun, als wäre mit diesem, unserem deutschen Theater alles möglich. Als müssten wir keinen »turns« gehorchen, uns nicht hinten anstellen und laut »Post« sagen, weil sich sonst alle böse umschauen. Als gäbe es kein Vorwärts und Zurück, kein Hinten und Vorne, als spielte die Zeit keine Rolle bei der Bewertung von Sätzen und  Sinnestäuschungen, als wäre die Wirkung alles. Und das Theatertreffen nichts. Dieses Buch ist wie eine Schatzkarte. Auf ihr sind viele verschiedene Geheimwege verzeichnet, denen zu folgen sich sehr lohnt. Wer mit ihr in der Hand durch die verschiedenen dramatischen Fantasiewelten läuft, wird viele Kostbarkeiten entdecken. Und vielleicht am Ende wirklich ankommen in jener golden glänzenden Kammer, wo alles spielt: auf der Bühne …

Bücher von Simon Strauß bei Tropen

Simon Strauß, geboren 1988 in Berlin, studierte Altertumswissenschaften und Geschichte in Basel, Poitiers und Cambridge. Er ist Mitgründer der Gruppe »Arbeit an Europa«. 2017 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer althistorischen Arbeit über Konzeptionen römischer Gesellschaft. Er lebt in Frankfurt, ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Erstlingswerk »Sieben Nächte« fand viel Beachtung bei Kritik und Publikum.

Simon Strauß (Hrsg.)
Spielplan-Änderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht
262 Seiten, Flexcover
ISBN: 978-3-608-50457-6
20,– € (D), 20,60 € (A)
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Weitere Bücher des Autors:

Römische Tage
142 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-50436-1
18,– € (D), 18,50 € (A)
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